Theo Immisch über Brigitte Hellgoth


Nachträgliche Schriftfassung der vorgetragenen Einführung von Theo Immisch Kustos, Sammlung fotografie, Staatliche Galerie Moritzburg, Halle an der Saale
"Portraits aus Reportagen"
Fotoausstellung von Brigitte Hellgoth im Kunstverein "Talstraße" e.V, 27.02.2003 - 06.04.2003

Für Brigitte Hellgoth wächst in dieser Ausstellung wohl tatsächlich etwas zusammen. was ganz zweifellos zusammengehört - ein Teil ihres fotografischen Werkes ausgestellt in ihrer Geburtsstadt, in der sie später auch einige Jahre gelebt und gearbeitet hat bevor sie in den Westen ging.

Und es mag auch ein wenig ausgleichende Gerechtigkeit sein, in der Stadt, in der sie so gern studiert hätte - an der Burg - und es als Tochter eines Unternehmers nicht durfte, in dieser Stadt mit einem Extrakt ihres bemerkenswerten Lebenswerkes präsentiert zu sein. Jetzt kann sie zeigen, und jeder kann sehen, dass sie es auch ohne Studium geschafft hat – schon lange.

"Portraits aus Reportagen" hat Brigitte Hellgoth ihre Ausstellung genannt und bekennt sich damit zu einer berichtenden fotografie. Die allermeisten der ausgestellten Bilder entstanden im Auftrag von Zeitschriften (sie finden die jeweiligen Auftraggeber bei den Bildern genannt).

Somit war in der Regel nur gegeben, was, besser wen sie zu fotografieren hatte - meist unter Zeitdruck und ohne Möglichkeit ausführlicher Vorbereitung, der Beschäftigung mit dem Menschen, den sie fotografieren würde und dem, was er tut.

Die Porträts, die sie so, als Alltagsarbeit, fotografiert hat, sind unglaublich differenziert - nicht nur fotografisch , von Technik und Bildsprache her (freilich das auch), sondern auch je nach Person, deren Profession, der jeweiligen Situation (im Raum wie in der Gesellschaft) hat sie fotografisch ihren eigenen, besonderen Zugang gefunden, und somit eine überaus treffende, bezeichnende Formulierung.

Diese Bildfindungen entstehen, wie ich meine, in der Regel wohl raschen Entscheidungen aus Intuition und wachsender Erfahrung und einer dienenden Haltung, dem publizistischen Auftrag verpflichtet wie der Integrität derer, die fotografiert werden. Die sind nicht einfache Objekte, sondern erkannt, erfasst als Subjekte, Gegenüber, Partner einer Interaktion, aus der das Bild entspringt.

Brigitte Hellgoth arbeitet seriell, fotografiert Serien mit und zu einer Person wie thematische Serien, in denen Angehörige bestimmter Gruppen vorgestellt werden: Musiker, bildende Künstler, Künstlerwitwen, Künstlerpaare, Modemacherinnen, Manager, Politiker, Sammler.

Noch einmal: verblüffend, über welch fotografisches und kompositorisches Repertoire die fotografin souverän verfügt und wie sie ein immer anderes und immer anders angemessenes Bildnis schafft.

Die Bilder der Musiker leben vor allem von deren Körpersprache: Gerry Mulligan meditativ versunken, Stockhausen imperatorisch, Michael Gielen den Klangraum haltend.

Körpersprache dagegen reduziert auf die Mundstellung bei Gilbert & George als singende Skulptur sie stehen steif, aber nicht still - ihre Mundstellung alles Gestische, was noch da ist.

Überhaupt das Gestische, die Personen, die agieren wie die Bilder, die auf sie und ihr Tun verweisen, - beredt werden: Claes Oldenburg gleichsam als Tube über seiner Tuben-Skulptur oder der Nagelkünstler Günther Uecker selbst wie ein ragender Nagel vor seinen Bildwänden oder Beuys, souverän Nähe zulassend, einmal ganz sensibel-wach, die Brauen skeptisch bis unter die Hutkrempe gezogen, das andere mal ganz eingelassen zwischen seinen Kindern.

Neben solch schlagenden Einzelbildern beeindrucken die kleinen Serien, in denen die fotografin einen Ablauf, eine Beziehung, ein Werk so verdichten, dass die Bilder einander kommentieren und verstärken. Imponierend etwa, wie sie Gotthard Graubner, den Maler, seine Arbeitsweise, sein Werk und dessen Dimension in vier Bildern vermittelt.

Hinreißend die Serie über Künstlerpaare, Frau und Mann jeweils einzeln aufgenommen, vor oder im eigenen Werk. Die Köpfe und Körper der Künstler sind hier gleichsam eingeschrieben in ihr Werk. Künstler und ihre Kunst gehen nachgerade ineinander über, die Fotografien antworten auf einen Individualstil.

Für mich der Höhepunkt der Atelierportraits ist das Bild mit Gerhard Richter. Der Maler betrachtet ein wohl eben oder fast fertig gewordenes Bild, seine Körpersprache entspannt - gespannt auf dem Sprung, die Bilder im Atelier und wie sie zueinander stehen, das entspricht genau der Äußerung Richters, die das foto kommentiert.

Hellgoths Bilder zeigen eine sehr eigene Rhetorik, weniger die Einrede ihrer Autorin spricht aus ihnen, sondern ein bestimmter Mensch und sein in der Welt sein wird mittels dieser Sprache übersetzt in dessen Bild. Besonders schön kommt das in den stillen, grafischen Schwarz-Weiß-Portraits zur Geltung:

Das Bild ausdrücklich als Bühne bei Polke, der seine Gemälde als Requisiten und Kulissen nimmt, sich hinter ihnen verbirgt und zwischen ihnen durchblickt und klar macht: Kunst ist auch Theater.

Das foto als aufblitzende Definition bei Herbert Marcuse - großartig wie das beiläufige Abnehmen der Brille als Bild ergriffen wird, wie der Philosoph sich in seiner Reflexion spiegelt.

Eine der reduziertesten, dabei prägnantesten Aufnahme, ist die der Knef: statuenhaft, leuchtende Augen, zurückgelehnt in sich (und: wunderbar, wie die Kurve des Haares ihre Wange modelliert).

Für mich ist Brigitte Hellgoth eine Bilder-Dichterin, die etwas Bleibendes gestiftet hat – Ansichten und Einsichten zur Kulturgeschichte Deutschlands im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Danke.

Theo Immisch