Fritz Kempe über Brigitte Hellgoth


Im „foto-magazin“ vom 1.März 1979, Ausgabe 3/79, erschien über meine 1. Ausstellung, in der Staatlichen Landesbildstelle Hamburg, folgender Artikel von Fritz Kempe:

Über die Bildjournalistin Brigitte Hellgoth und ihre Fotos

Ein neuer Stern am Himmel

Am Himmel der Fotografie gibt es mehr stern-strahlende Frauen als Männer - in Prozenten berechnet. Von Julia Margaret Cameron bis Liselotte Stelow, von Gertrude Kaesebier und Minya Diez-Dührkoop bis Rosemarie Clausen, von Berenice Abbott, Margaret Bourke-White, Dorothea Lange, Lisette Mödel, Germaine Krull bis Diane Arbus, Gisèle Freund, Regine Relang und Karin Székessy ist noch kein Ende der Stars unter den Fotografinnen. Heute stellen wir einen neuen vor: Brigitte Hellgoth.

Nach zehn Jahren fotografischen Schaffens hatte Brigitte Hellgoth 1978 ihre erste Ausstellung in der Fotogalerie der Staatlichen Landesbildstelle Hamburg. Sie hieß schlicht und einfach: „Arbeiten einer Bildjournalistin“. So sieht sich Frau Hellgoth auch selbst: als Reporterin mit der Kamera, als Berichterin von allem, was geschieht, sich ereignet, auf der Weit vorhanden ist. Vornehmlich und ganz obenan vom Menschen in seiner Umwelt. Aus dem Bericht über eine Pressekonferenz, dem langweiligsten Ereignis, bei dem sich Beitz2.jpggewöhnlich nichts ereignet, macht sie ein Schauerlebnis: wie Bertold Beitz sich rekelt und streckt, Ernst Wolf Mommsen bauernschlau guckt, beifallbelächelt von seinem Nachbarn, wie das in den Prunk-Protz der Kruppschen Villa Hügel in Essen gebettet ist, das ist ein Dokument vom Wesen des Kapitalismus. Aber Brigitte Hellgoths Kamerablick ist nicht boshaft. Er bringt nur fertig, dem Dokument einen Touch zu geben, der es interessant macht.

Da lehnt das Mädchen in ihrer aufreizenden "Berufskleidung" hinter der Theke des "Creamcheese" in Düsseldorf. Glanz und Haut, Geld und Bier und ein prüfender Blick: eine ganze Geschichte in einem Bild. “Ein Thema erfassen, bedeutet für mich vor allem die Auseinandersetzung mit dem Inhalt “. Mora.jpgDann kommt das Umsetzen in Formen, Farben, Tonwerte; die Arbeit am fertigen Bild ist für sie nur Handwerk, eines, das sie beherrscht, obwohl sie es nicht gelernt hat. Gelernt hat Brigitte Hellgoth an der jeweiligen Aufgabe. Als sie 1968 zu fotografieren begann, da reizten sie die Menschen-Typen im verräucherten Milieu der Düsseldorfer Altstadt- Kneipen und Diskotheken, dort, wo es schön schummrig und gemütlich ist. Das war Brigitte Hellgoths Schule, in der sie nur mit präziser Laborarbeit, nur durch Experimentieren mit Chemikalien und Materialien bestehen konnte. Sie lernte, aus einem Film durch Entwicklung alles herauszuholen und die Vergrößerungen mit allen Schikanen zu manipulieren. Aber das blieb ihre einzige Manipulation. Fotokunst aus der Dunkelkammer ist ihr verhaßt, sie ist Dokumentaristin.

San FranciscoWas da auf dem Architektur-Foto aus San Francisco wie „manipuliert“ aussieht, das macht die Kamera von selbst mit dem 24erWeitwinkel. Die Fotografin mußte bloß den Standpunkt finden beim Spaziergang durch Chinatown.

Brigitte Hellgoth ist in der Lutherstadt Wittenberg aufgewachsen und hat in West- Berlin Graphik studiert. Nach Zwischenstationen in Halle und Wittenberg kam sie nach Hamburg, wo sie für Zeitungsverlage, Industriefirmen und Werbeagenturen in Hamburg, Paris, Biberach und Düsseldorf tätig war. 1961 wurde sie in der Nähe von Düsseldorf „sesshaft“, was bei jemand, der soviel wie sie in Aufträgen auf Reisen geht, ein euphemistischer Ausdruck ist. Seit 1968 arbeitet Frau Hellgoth als haupt- und freiberufliche Fotojournalistin. Ihr Ehemann Georg Hellgoth ist Architekt. Joint MeetEr hatte Brigitte wiederholt zu animieren versucht, bei dem Rockfestival „Joint-meeting“ zu fotografieren, das im Düsseldorfer Eisstadion stattfand. Drei Tage und drei Nächte dauerte das Festival, zu dem die Fans mit Schlafsäcken, Wolldecken, Luftmatratzen und Proviant in Scharen angereist kamen. „Ich hatte einfach Angst vor so vielen Menschen - nicht als Zuhörer, als Voyeur mit der Kamera ...“ Schließlich brachte ein Auftrag sie doch zum Fotografieren. Ihr Mann triumphierte. Und niemand kümmerte sich um die Frau mit der Kamera, die dies märchenhaft-romantisch anmutende Bild erhaschte: ein altertümlich gekleideter schwarzer Jüngling als einzelner über den gleichförmigen Vielen. Diese Masse war es, vor der sie zurückscheute, diese vertausendfachte, merkwürdige Schlafstuben-Intimität unter freiem Himmel.

Obwohl das zu ihrem Beruf eigentlich nicht paßt, "schießt" Brigitte Hellgoth nicht aus dem Hinterhalt. Sie redet gern mit Menschen und findet schnell Kontakt, deshalb geben sich die Menschen vor ihrer Kamera auch normal. Als Liselotte Strelow ihre, junge Kollegin kennengelernt hatte, schrieb sie am nächsten Tag: „Sieht einen an wie durch einen Diamanten. Schön. Und hat enorme Zivilcourage, hat Rückgrat ... ist eine sehr kreative und menschliche Frau!“.

Frau Strelow sprach das aus, was auch in der Fotografie ein Problem, wenn auch kein Geheimnis ist: Technik kann jeder lernen, aber gute, anrührende Bilder macht immer noch die Menschlichkeit dessen, der die Kamera benutzt.

„Der spannendste Moment meiner Arbeit ist der, wenn ich auf den Auslöser drücke. Das ist der Moment, in dem ich mich für dieses Bild entschieden habe...“, sagt Brigitte Hellgoth.

WerlAls die Fotografin einen Aufnahmetermin für eine Reportage „Sport in Justizvollzugsanstalten“ hatte, war es trüb und neblig. Sie sah die sich ungezwungen bewegende Gruppe mit dem Springseil aus der Ferne und konnte sie noch eben mit dem 200er-Tele packen. Erst beim Vergrößern kam die bezeichnende Tätowierung zum Vorschein. Den Gag verdankt Brigitte Hellgoth also dem Zufall-, doch wie selten fällt dem Fotografen etwas zu. Erfolg kommt nur aus harter Arbeit und aus dem sich „verantwortlich fühlen“ für diese Arbeit. Dazu gehört, daß sie ihre Vergrößerungen alle „von Hand“ macht, schon deshalb, weil es ihr wichtig ist, das Bild „kommen“ zu sehen. Das gibt einen anderen Kontakt, als wenn man ein fertiges Produkt aus einem Fremdlabor in die Hand bekommt, bei dem man nie das schlechte Gewissen ganz unterdrücken kann. Brigitte Hellgoth ist stolz auf ihre Handvergrößerungen auf „konventionellem“ Fotopapier. Insofern ist unser neuer Stern am Fotohimmel eine ganz altmodische Fotografin.

Fritz Kempe