Gerolf Schülke über Brigitte Hellgoth


Nachträgliche Schriftfassung der nach Stichworten vorgetragenen Einführung zur Ausstellung am 5.5.2002 im Bahnhof Eller in Düsseldorf

Portraitfotografien aus Reportagen

Liebe Freunde, liebe Gäste,

willkommen zu unserer neuen Ausstellung mit Portraitfotografien von Brigitte Hellgoth. Ich begrüße Frau Hellgoth ganz herzlich; wir freuen uns sehr, eine große Ausstellung einer so wichtigen zeitgenössischen deutschen Fotografin bei uns zeigen zu können. Als Ende der siebziger Jahre die erste Einzelausstellung mit Fotografien von Brigitte Hellgoth in einem Hamburger Museum gezeigt wurde, schrieb der "Fotopapst" Fritz Kempe in einer Fachzeitschrift einen langen und begeisterten Ausstellungsbericht, den er betitelte "Ein neuer Stern am Himmel". Damit meinte er Brigitte Hellgoth und er fügte sie als neuen Namen der Reihe der großen und berühmten Fotografinnen an.

Nach dieser ersten Ausstellung kamen weitere zwanzig arbeitsreiche und erfolgreiche Jahre Bildjournalismus, unsere Ausstellung zeigt Beispiele aus dem ganzen Zeitraum, fast könnte man sie deshalb als eine Art Retrospektive ansehen. Es wäre interessant sich vorzustellen, wie Fritz Kempe über diese Ausstellung hier geschrieben hätte, sicher aber hätte er sein damaliges Fazit bekräftigt. Zu sehen sind hier achtzig Fotografien, die Frau Hellgoth aus einem Archivbestand von rund 25 000 Negativen ausgewählt hat. Es handelt sich um Portraitfotografien, die im Rahmen umfangreicher Reportagen entstanden sind. Schwerpunkte der Bildauswahl sind die Bereiche Kultur, Wirtschaft und Politik.

Brigitte Hellgoth hat die Auswahl der Fotografien speziell für diese Ausstellung getroffen und sie zu kleineren Gruppen geordnet. Sie hat auch am Konzept der Hängung der Exponate von Beginn an mitgewirkt und sie hat zu jeder Fotografie einen knappen und informativen Kommentar geschrieben, der dem Besucher die Person und den Entstehungszusammenhang der jeweiligen Aufnahme genau erläutert. Für dieses Engagement sei ihr herzlich gedankt, aber natürlich auch dafür, dass wir überhaupt eine so umfangreiche und pointierte Ausstellung einer so bedeutenden Fotografin bei uns zeigen können.

Im Rahmen des Gesamtwerkes sind die Portraitfotografien dieser Ausstellung nur ein Teilbereich, das Gesamtwerk umfasst weitere Arbeitsgebiete, einen anderen Aspekt zeigen beispielsweise die Fotokarten, die Frau Hellgoth als kleine Edition zu dieser Ausstellung hat drucken lassen.

Viele der Fotografien, die Sie hier sehen können, werden Ihnen bekannt vorkommen. Nicht nur, weil es sich fast ausnahmslos um bekannte Personen des öffentlichen Lebens handelt, sondern weil diese Fotografien oft in Zeitschriften und Magazinen veröffentlicht wurden. Die Fotografien wurden allerdings meist ohne Nennung des Fotografennamens veröffentlicht ( beim Spiegel beispielsweise begann man damit erst, nachdem das neue Magazin Focus die Namen nannte ), deshalb sind auch große Fotografen des Bildjournalismus in der Öffentlichkeit oft kaum bekannt. Ganz anders übrigens im Bereich der Kunstfotografie, wo manchmal schon ein sehr schmales Werk genügt, um international bekannt zu werden, vor allem, wenn man auch noch die eigene Person zum Thema seiner Arbeit macht.

Brigitte Hellgoth versteht sich selbst ausdrücklich nicht als Kunstfotografin, sondern als Bildjournalistin. Das mag erstaunlich sein bei ihrer großen Affinität zur Kunst und der Bekanntschaft und Freundschaft mit vielen Künstlern.

(Und wir schätzen diese Fotografien natürlich gerade wegen ihrer künstlerischen Qualitäten). Auf die Frage, welche anderen Fotografen sie denn persönlich achte, nennt sie ausschließlich Bildjournalisten, ganz nachdrücklich und an wichtigster Stelle Erich Salomon, den berühmten deutschen Fotografen der 20er und 30er Jahre, der für nachfolgende Fotografengenerationen Maßstäbe setzte. Salomon war übrigens zunächst Jurist und als Fotograf später Autodidakt.

Auch Brigitte Hellgoth hat relativ spät und als Autodidaktin mit der Fotografie begonnen. Sie war als Grafikerin ausgebildet und hatte zunächst in großen Werbeagenturen gearbeitet, aber sie fühlte sich dort nicht wohl und deshalb machte sie sich zunächst als Grafikerin selbständig. Wenn sie Fotografien brauchte, musste sie diese selbst anfertigen, weil sie einen professionellen Fotografen gar nicht hätte bezahlen können. Andererseits mussten ihre eigenen Fotografien professionellen Ansprüchen genügen. Was als Notlösung begann, wurde schnell zum Hauptberuf : erste Veröffentlichungen in Düsseldorfer Tageszeitungen, recht bald schon regionale Arbeit für den Spiegel, dann bundesweite und über die Grenzen Deutschlands hinaus. Es folgten Aufträge für art, Manager Magazin und viele andere Zeitschriften und Magazine. Die Kommentare zu den ausgestellten Portraits weisen immer auch die jeweiligen Auftraggeber aus. In den dreißig Jahren ihrer bildjournalistischen Tätigkeit ist Brigitte Hellgoth übrigens immer "freie" ( freelance ) Fotografin geblieben.

Um die spezifischen Merkmale und ästhetischen Qualitäten journalistischer Fotografie richtig zu bewerten, muss man sich die Bedingungen und Zusammenhänge, unter denen solche Fotografien entstanden sind ( auch alle Portraits dieser Ausstellung natürlich ), noch einmal deutlich machen. Sie unterscheiden sich ganz wesentlich von der Arbeitssituation im Fotostudio oder im Künstleratelier. Zunächst einmal sind die Aufträge, also Themen, Personen, Termine u.s.w. von einer Redaktion vorgegeben. Üblicherweise arbeitet der Fotograf mit einem Redakteur zusammen, der das Konzept der Reportage verantwortet und den Text verfasst. Manchmal sind auch mehrere Redakteure beteiligt, etwa bei den so genannten Spiegel-Gesprächen. Nur selten, beispielsweise bei Berichten für die Zeitschrift Art, gehen Reporter und Fotograf getrennt zu den interviewten Personen. Und eher die Ausnahme ist es, wenn zunächst eine Bildreportage vorliegt und danach der Text geschrieben wird.

Bei allen Aufnahmesituationen herrscht ein enormer Termin- und Zeitdruck. Wenn sie heute ihre alten Terminkalender zur Hand nimmt, erzählt Frau Hellgoth, um etwa eine Datierung für die Bildkommentare zu überprüfen, dann wundert sie sich selbst, wie sie diese dichte Abfolge von Terminen überhaupt 30 Jahre lang hat durchhalten können. Flüge, Besuche, Laborarbeit, Besprechungen in ständigem Wechsel. Auch bei den Fototerminen selbst war meist wenig Zeit, für ein Spiegelgespräch etwa ein bis zwei Stunden. Den Fotografien in dieser Ausstellung merkt man davon nichts an.

Hinzu kommt, dass alle zu portraitierenden Personen in der Regel bereits prominente Zeitgenossen waren oder zumindest im Interesse der Öffentlichkeit standen. VIPs sagt man heute, meist also Leute, die sich ihres Wertes durchaus bewusst waren und sich das auch gelegentlich anmerken ließen. Zeit zum Kennen lernen gab es nicht, nur die Vorinformationen der Redaktion. Nervosität war somit die Grundstimmung vor den Fototerminen. "Ich habe immer dieses Herzklopfen gehabt", sagt Brigitte Hellgoth, auch nach 25 Berufsjahren habe sie es nicht unterdrücken können. Andererseits hat sie nie selbst Aufträge von vertrauten Personen angenommen, beispielsweise also keine bestellten Portraits von befreundeten Künstlern gemacht

Dann fehlt die Distanz, sagt sie, es verändert sich das Verhältnis von Fotograf und Fotografiertem, die Objektivität geht verloren. Das erstaunt, denn wie die Ausstellung zeigt, wirken doch gerade die Portraits oft so, als bestünde auch ein persönliches Einvernehmen zwischen Fotografin und Modell. Und hier kommen wir vielleicht zu den wesentlichen Charakteristika der Hellgothschen Portraits.

"Ich habe immer versucht, die Leute so zu zeigen, wie sie sind", berichtet Brigitte Hellgoth auf Nachfrage. Das bedeutet, man muss in der knappen verfügbaren Zeit die fremden Personen so genau beobachten, dass man ihre Persönlichkeit in einem Bild erfasst. Man muss genau hinsehen, dabei aber unauffällig und unaufdringlich bleiben, fast unbemerkt. Aber man darf sich durch die Faszination der Personen auch nicht vom Fotografieren abhalten lassen. "Man darf nicht vergessen, im richtigen Moment auf den Auslöser zu drücken", sagt Brigitte Hellgoth, es gibt diese sehr kurzen Augenblicke, wo sich alles zu einem richtigen Bild fügt, Ausdruck, Ausschnitt, Hintergrund, Licht und so weiter. Dann hatte sie sozusagen immer diese eigene Stimme im Ohr, die ihr sagte "Jetzt !". Und "man kann diese Momente nicht wiederholen." Diese Momente der Wahrheit waren auch Erich Salomon so wichtig, hier findet sich die innere Verwandtschaft Hellgoths zu ihm, vielleicht das Vorbild.

Dieser Vorrang der Darstellung der Persönlichkeit des Abgebildeten vor dem Charakter der Darstellung (oder der "Machart" des Bildes) hat Brigitte Hellgoth davor bewahrt, in Manierismen zu verfallen oder nach vorgefassten formalen Konzepten zu arbeiten. Sie hat es immer vermieden, einen "Hellgoth-Stil" zu entwickeln, das heißt, ein von der Person der Fotografin abgeleitetes gestalterisches Konzept den ihr gestellten Aufgaben überzustülpen. Sondern immer ergab sich die Gestaltung der Reportagen, Serien, Portraits aus der Situation, aus dem Thema oder aus dem individuellen Charakter der besuchten Personen.

Wie virtuos Brigitte Hellgoth dabei gleichwohl mit den formalen Mitteln umzugehen weiß, sieht man exemplarisch an einer kleinen Folge von drei Musiker-Portraits (Kremer, Mulligan, Stockhausen). Die drei Fotografien, zu verschiedenen Zeiten entstanden, sind gleichsam eine Etüde en miniature zur Bildgestaltung : dreimal nahezu dieselbe Haltung und Geste beider Hände, die gleiche diagonale Stellung in der Komposition, aber dreimal ein ganz anderer Ausdruck des Bildes und dadurch eine andere Mitteilung über die betreffende Person.

Es ist also weniger ein bestimmtes formales Vorgehen, das Brigitte Hellgoths fotografischen Stil kennzeichnet, sondern eher der subtile Blick für Person und Atmosphäre, die Intuition und Sensibilität im Erfassen einer Situation und die schnelle Reaktion im richtigen Moment. Man könnte sie vielleicht die Psychologin unter den Bildjournalisten nennen. In den Fotografien selbst lässt sich das auf unterschiedlichen Ebenen nachvollziehen.

Auf der Ebene der Bildgestaltung ist typisch (erst beim Passepartourieren der Fotografien ist mir das aufgefallen), dass das vergrößerte Bild immer auch das gesamte Negativformat zeigt. Es sind also nicht nachträglich Ausschnitte aus einem nur ungefähr aufgenommenen Bild ausgewählt worden, sondern das Bild wird bereits mit der endgültigen Komposition fotografiert. Nur bei ganz wenigen Vergrößerungen gibt es minimale Beschnitte am Bildrand, wenn störende Objekte bei der Aufnahme nicht vermeidbar waren.

Bei der Wirkung der Aufnahmen überwiegt der individuelle und fast private Charakter der dargestellten Personen. Das ist besonders auffällig, wenn man bedenkt, dass es sich ja immer um offizielle Aufnahmen meist öffentlich schon bekannter Personen handelt und dass den Portraitierten die anschließende Veröffentlichung der Aufnahmen in auflagenstarken Zeitschriften oder Magazinen durchaus bewusst ist. Überraschend ist der oft ganz ungeschützte und offene Habitus der Portraitierten, der sie nicht selten weit differenzierter vermittelt, als man sie sich vorgestellt hatte.

Beispielsweise ist in der Aufnahme des Malers Markus Lüpertz ein eher melancholischer und von anstrengender Arbeit ermüdeter Künstler zu sehen, nicht der "Malerfürst", den man aus Medienberichten zu kennen glaubte.

Oder in der Schwarzweiß-Aufnahme der kranken Hildegard Knef ist die Künstlerin gekennzeichnet durch die ganz intensive Ernsthaftigkeit des Gesprächs mit der jungen Autorin (die als zweites Portrait gleich daneben zu sehen ist).

Nicht selten fügt Brigitte Hellgoth der ersten Schicht des Abbildes eine zweite Mitteilungsebene hinzu, indem sie die Umgebung oder den Lebensraum der Portraitierten ausschnittweise als Hintergrund in das Bild einbezieht. Hier seien als Beispiel nur die beiden Portraits des Barons Thyssen-Bornemisza erwähnt oder die Aufnahme aus der Krupp-Villa. Aber immer sind diese "Hintergrundinformationen" subtil und erhellend, nie boshaft oder negativierend.

Hinter der behutsamen Art zu fotografieren spürt man ein deutliches Bewusstsein für das problematische Verhältnis von Bild und Image, dem durch die Fotografie erzeugten Abbild im Vergleich zu den Vorstellungen, die auch durch veröffentlichte Bilder erzeugt werden. In ihren eigenen Aufnahmen bewahrt Brigitte Hellgoth immer die Person vor dem bloßen Image.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, die Ausstellung ist damit eröffnet.

Gerolf Schülke