Klaus Winterhager über Brigitte Hellgoth


Klaus Winterhager

Professor Klaus Winterhager

zur Ausstellungseröffnung „Pressephotographien von Brigitte Hellgoth" in der Landesfinanzschule NRW in Haan am 29. Oktober 1989

Wer einen Bleistift hat, ist deshalb noch kein Zeichner. Wer eine Schreibmaschine vor sich hat, erklärt sich deshalb nicht zum Poeten. Wer eine Kamera sein eigen nennt, nennt sich nicht Fotograf. Der letzte Satz ist, leider Gottes, fast eine Falschmeldung. Die kinderleichte Handhabung des Apparates verhindert manche Unterlassung.

Auch am heutigen Tage, dem 29. Oktober 89, wie an jedem anderen Tag, werden Kilometer und Meilen von Filmen belichtet. Da wird aufgenommen, was sich nicht wehren kann. Da werden Menschen aufgenommen, die sich nicht dagegen wehren. Falls sie es könnten, sollten sie es tun. Denn das epidemieartige Knipsen, oft mit Blitz und ohne Donner, liefert konturenlose Gesichter mit viel Licht und ohne Schatten, nicht weniger anonym, wie die Produkte eines Automaten in der Bahnhofshalle. Die unzähligen Anhänger dieser Apparate fotografieren nicht - sie schießen, Die militante Vokabel, bei der ich jedesmal zusammenzucke, signalisiert ungewollt, aber treffend, das Resultat: Verletzungen. Sie sind seelischer Natur. Riskiert jemand beispielsweise einen zaghaften Blick in Ihren geöffneten Reisepaß, klappen Sie ihn verschämt zu. Wir sind gewohnt, Wunden. zu kaschieren.

Wie sieht es denn bei den sogenannten Profis aus? Nicht besser, Die Massenmedien, deren Akteure im Sinne einer eifrig beschworenen Informationspflicht die Masse Mensch Tag für Tag ins Bild zu setzen versprechen, lösen Lawinen aus. Es macht keinen Unterschied, ob nun die Bilder schwarz oder farbig auf weißem Papier oder beweglich und bunt auf dein Bildschirm ungefragt vor unsere Augen kommen. Der Zweck heiligt die elektronischen Mittel,

Gleich Jägern lauern Fotografen und Kamerateams auf die Beute, Gerät sie ins Schußfeld, will jeder der erste sein. Die seriös klingende Informationspflicht verkommt in der Eile zur Schludrigkeit. Dabeisein ist alles. Der Geschwindigkeit oberflächlicher Bilder setzen Sie eine ebenbürtige Geschwindigkeit entgegen: Im Vergessen. Die meisten Bilder haben es nicht besser verdient. Aber warum vergißt man sie? Oder, anders herum gefragt, wieso erinnern wir uns an Bilder, oft über lange Zeit hinweg? Ich denke - darauf gibt es eine Antwort. Bilder, die Sie zur Kenntnis nehmen, sind wertlos. Bilder, die Sie empfinden, könnten schön sein. Bilder, die Sie empfinden und die Ihnen mehr sagen als sie zeigen, beschäftigen über die Darstellung hinaus und provozieren Sie zu eigenen Bildern. Wenn es soweit kommt, machen Sie eine beglückende Feststellung, die sprachlich treffend ist: Sie machen sich Bilder. Sie sehen nicht nur Sie tun etwas. Das bleibt haften. Die Reihe der Bilder, die Sie sich selbst machen, ist unter dem Strich Ihr Selbstbild. Das ist Ihre Biografie.

Da kann ich nur sagen: Verdammt sei der gedankenlose Naturalismus, der den Zugang zu eigenen Bildern verkleistert. Pointierter gesägt: Vollständige Bilder in unvollkommener Form sind Langweiler. Das Unvollständige - vollkommen in der Form - bietet das Defizit, das Sie füllen. Ich füge einen überspitzten Vergleich hinzu: Wenn Sie Bilder sehen wollen, scha1ten Sie das Fernsehen ein! Wollen Sie sich ein Bild machen Fernsehen aus - Radio an!

Zurück zu Bildern, die zu den eigenen verhelfen. Nachhaltige Bilder setzen, trotz kurzer Belichtung, Vorbereitung, Sorgfalt, Konzentration und Abstraktion voraus. Der Sorgfalt antworten Sie mit der Sorgfalt Ihrer Betrachtung. Da kann es sein, daß sich ein geschärfter Blick in der fotografischen Unschärfe ausdrückt oder sich im Schwarz, Grau und Weiß eine opulente Farbigkeit offenbart.

Gegenüber der Massenproduktion der Bilder habe ich mich, der Fotografie sprachlich gemäß, negativ geäußert. Der Pessimismus, den Sie dahinter vermuten könnten, findet bei mir nicht statt, Das Helle bedarf nun mal der Dunkelheit und ohne die Flut der Mittelmäßigkeit hätten wir keinen düsteren Hintergrund, vor dein Glanzpunkte erkennbar werden, Ich erwähne die legendäre Zeitschrift Life. Das Gründungskonzept war ein solcher Glanzpunkt. Die beste Fotografie sollte es sein. Life, lebte lange Zeit gut vom höchsten Niveau und widerlegte damit alle Presseverleger, die bis dahin behauptet hatten. ihre Leser seien anspruchsloser als sie selbst.

Brigitte Hellgoth macht Bilder, die gedruckt werden sollen. Also arbeitet sie - neudeutsch gesprochen - für Print-Medien. Um es gleich vorweg zu sagen: Sie hetzt nicht und sie lauert nicht und sie ist nicht vor der Feuerwehr da, wenn's irgendwo brennt. Den rasenden Reportern ist sie keine Konkurrenz und damit die Falsche für eine kurzatmige Tagespresse. Sie hat den langen Atem und darum erhält sie ihre Aufträge von solchen Redaktionen, die ihn auch haben. Das Wie steht über dem Wann, Das hat etwas zu tun mit Niveau und Kultur. Ihre Bilder berühren den sinnverwandten Begriff - Bildung.

Brigitte Hellgoth tut zweierlei:

1. Sie fotografiert Landschaften, Städte, Architekturen, Firmen, Institutionen und

2. Sie fotografiert Personen, die damit etwas zu tun haben. Letztere sind ihr zentrales Anliegen und sie zeigt damit ihr außergewöhnliches Profil. Daß sie nicht lauert, habe ich schon gesagt. Sie stellt sich den Personen.

Angesichts eines kalten Objektives bekommen es die meisten Menschen mit der Angst zu tun. Es muß am Wesen der Fotografin liegen, wenn die Angst genommen wird. Sie fotografiert nicht gegen Personen, sie fotografiert mit ihnen. Das setzt bei den Dargestellten Bereitschaft voraus. Im Dialog öffnet sich die Fotografin. Das Gegenüber öffnet sich. In dieser privaten Offenheit ohne Pose, wenn die Umstände so glücklich sind, öffnet sich ein Dritter: Der Verschluß.

So entstehen fotografierte Gesichter, die in ihrer Weichheit von Licht und Schatten zu sprechen scheinen. Die Portraitierten drücken ihr Einverständnis aus - ihre angstfreie Sympathie für das ansonsten traumatische Geschehen. Nicht im Datum - einzig und allein im „Wie“ sind diese Bilder aktuell. Ich nenne es die künstlerische Haltung, die sich mit formalem Können und dem Respekt vor dem Persönlichen verbindet - letztendlich vor dem Leben schlechthin.

Ich sage es mit Nachdruck: Brigitte Hellgoth kann ihre Bilder vor den Abgebildeten verantworten. So empfindsam, wie sie auf andere zugeht, so empfindlich ist sie in eigener Sache. Sie hat unvermeidliche Blessuren vorzuweisen. Sie zählt zu einer sensiblen Minderheit und ist damit in der allerbesten Gesellschaft.

Seit Ende des vergangenen Jahrhunderts sind zahlreiche fotografische Portraits entstanden, von Berühmten und nicht Berühmten, die das vorher erwähnte Einverständnis mit dem Fotografiertwerden, also mit dem Fotografen, zum Ausdruck bringen. Es sind menschliche und zugleich künstlerische Dokumente, die uns zu den Bildern in uns selbst verhelfen.

Ich möchte an dieser Stelle etwas einschieben: Es gibt eine Spezies berühmter Zeitgenossen, die ob ihrer hohen Stellung tausendfach fotografiert wurden. Aber ich kann mich nicht erinnern, jemals eine Fotografie von ihnen gesehen zu haben, die in künstlerischer Form jene private Entspanntheit zeigt. Ich nenne nur zwei Namen: Hitler und Stalin. Halten Sie es für einen Zufall, daß es von denen keine deutlichen Portraits gibt?

Ich wende mich wieder besseren Menschen zu. Noch etwas anderes kam mir in den Sinn: Was wäre wenn, ja wenn Fotografie und Fernsehen schon viel früher das Licht der Welt erblickt hätten? Stellen Sie sich in einer vergleichbaren Ausstellung Fotos vor von Karl dem Großen, vom Wittenberger Reformator oder sogar von Jesus von Nazareth, oder Reportagen vom Untergang Pompejis, vom Dreißigjährigen Krieg. Es würde uns den Atem rauben. Aber wir müßten auch die schnellen Bilder der Massenmedien in Kauf nehmen. Die Kreuzigung live in der Tagesschau - und anschließend das Wetter. Die Vorstellung scheint blasphemisch.

Von Golgatha zurück nach Haan. Ich inöchte Sie hier und heute daran erinnern, mit welchen vergleichbaren Ungeheuerlichkeiten wir ständig konfrontiert werden, lediglich mit dem Unterschied, daß nicht mit jedem Verbrechen an Andersdenkenden eine Weltreligion entsteht. Ob die Weltgeschichte angesichts einer derartigen und früher datierten Informationsflut den gleichen Verlauf genommen hätte, mag ich bezweifeln. Ich nehme gelassen in Kauf, falls Sie meine Vergleiche für absurd halten.

Eine Bemerkung zum Schluß:

Brigitte Hellgoth arbeitet für die Presse, die als bedrucktes Papier zu uns kommt. Das nennt man ein Medium. Die Bilder sind mediengerecht, wenn wir sie im Leseabstand überblicken können.

Eine Ausstellung ist ein anderes Medium, für das Zeitschriften nicht produziert werden. Sie verlangt den größeren Abstand. Darum die Vergrößerungen, die den Bildern zur Ausstellung verhelfen.

Ich habe ein paar Stichworte gegeben. Könnte ich die Bilder mit Worten erklären, bedürfte es nicht dieser Ausstellung. Da ich jedoch meinen Worten die Kompetenz dazu absprechen muß, möchte ich das Wort denen erteilen, die einzig und allein diese Kompetenz haben. Das sind die Bilder.

Klaus Winterhager